Autonomer Kleinbus auf einem großen Platz im Sonnenschein
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Foto: Tim Kögler

Ein europäisches Unikat: Monheims Altstadtstromer

Die Mobilitätswelt blickt nach Monheim am Rhein. Denn hier fährt die Zukunft des ÖPNV (fast) ohne Fahrer*in durch die Straßen.

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Sie sehen schon ein bisschen futuristisch aus, wenn sie in gemächlichem Tempo durch die historischen Monheimer Altstadtgassen rollen: Seit inzwischen zwei Jahren gehören die Altstadtstromer zum Stadtbild von Monheim am Rhein und bilden als Elektro-Kleinbusse mit 100 Prozent Ökostrom eine einzigartige Fahrzeugflotte in Europa – denn die fünf Stromer nehmen auf ihrer ca. drei Kilometer langen Strecke ohne eigene Spur im laufenden Straßenverkehr teil.

Innovative Technik mit menschlicher Absicherung

Die Altstadtstromer gelten als Pionierprojekt, was autonomen ÖPNV angeht. Am 26. Februar 2020 fiel der Startschuss für die Linie A01 zwischen Busbahnhof und Altstadt. Zwischen 6 und 23 Uhr bieten die platzsparenden und klimafreundlichen Transportmittel Raum für elf Fahrgäste. Da sich die autonome Verkehrstechnik noch in den Anfängen befindet, ist zudem auf jeder Fahrt ein sogenannter Operator an Bord, eine Aufsichtsperson, die im Notfall eingreifen kann. Die Unterstützung des Autopiloten wird gefordert, wenn sich z. B. ein Lkw oder Pkw mit Warnblinkanlage im Fahrweg befindet, denn in diesem Fall hält der autonome Bus einfach an – eigenständig Hindernisse zu umfahren, ist nach jetzigem Wissensstand ein zu hohes Sicherheitsrisiko. Den Job des Operators beschreiben die Betreiber*innen und Mitarbeitenden übrigens augenzwinkernd als „hochkonzentriertes Nichtstun“ – doch jeder weiß, dass spontan geforderte Aufmerksamkeit eine echte Herausforderung sein kann, besonders im Straßenverkehr.

Akzeptanz schaffen – Mobilitätsverhalten bessern

Mit der Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen und einer finanziellen Beteiligung der Stadt steht den Bahnen der Stadt Monheim ein Förderpaket von mehr als 2,1 Millionen Euro zur Verfügung. Diese sind schon für den Aufbau der Kleinbus-Flotte notwendig, denn ein E-Fahrzeug kostet in der Anschaffung ca. 300.000 Euro. Für das Altstadtstromer-​Projekt bekommt Monheim am Rhein jedoch nicht nur finanzielle Zuschüsse, sondern auch internationale Aufmerksamkeit. Parallel zum Betrieb der Linie A01 läuft eine wissenschaftliche Studie, die sich mit der Akzeptanz der Fahrgäste und den Auswirkungen auf ihr Mobilitätsverhalten beschäftigt. Denn in Monheim am Rhein soll nicht nur die mögliche Mobilitätszukunft getestet, sondern auch die Verkehrswende weiter vorangetrieben werden.

Innovative Technologien wie das automatisierte Fahren haben das Potenzial, Mobilität entscheidend zu verändern. Ziel der Landesregierung ist es, innovative Technologien in NRW zu erforschen, zu entwickeln und zu testen – und am liebsten auch zu produzieren. Der Weg hin zum komplett fahrerlosen, also autonomen Fahren ist aber noch weit. Hier in Nordrhein-Westfalen haben wir optimale Testbedingungen. Mit innovativen Projekten wie in Monheim am Rhein kommen wir auf dem Weg in die Zukunft der Mobilität voran.

Ministerpräsident Hendrik Wüst damals noch NRW-Verkehrsminister

Nicht nur die Resonanz der Mitfahrenden steht im Fokus des Projekts, auch die gesamte Organisation und Durchführung des autonomen Vorreiters weckt die Neugier anderer Städte und Gemeinden. Da für die Zulassung der E-Kleinbusse zahlreiche Ausnahmeregelungen erlassen werden mussten, gelten sie als Beispiel zukünftiger Mobilitätslösungen. Die Erfahrungen und Ergebnisse des Projekts werden in Fachgremien diskutiert und im Austausch mit Politik und Verwaltung analysiert.

Info

So funktioniert die Technik

  • Sensorik: Ihre Wege findet die Kleinbusflotte mit Hilfe von GPS und Lidar (Laser und Radar). Die eingeprägte Linie durch die Stadt ist festgelegt, kurzfristige Abweichungen können nur durch den Operator vorgenommen werden.
  • Software: Aus Sicherheitsgründen sind die Fahrzeuge strikt vom Internet getrennt, auch um Hackerangriffe von vornherein zu unterbinden. Updates müssen daher per Kabel von einem Laptop eingespielt werden.
  • Geschwindigkeit: Bis zu 45 km/h können die Kleinbusse erreichen, sind jedoch aktuell nur mit einer Geschwindigkeit von 16 km/h zugelassen, da die Linie entlang enger Gassen führt und die Sensorik zudem einen Restbremsweg in Gefahrensituationen berechnen muss.
  • Akkulaufzeit: Ca. 15 Stunden kann ein aufgeladener Altstadtstromer unterwegs sein – bei starker Nutzung von Klimaanlage oder Heizung verringert sich die Leistung um bis zu 50 Prozent.
  • Ladezeit: Insgesamt 6 Stunden dauert es, bis der Akku von 0 auf 100 Prozent lädt. Selten kommt ein Fahrzeug jedoch komplett ohne Power in die Garage.

Einsteigen und in die Zukunft blicken

Wie könnte Mobilität in einigen Jahren aussehen? Dank der vier Meter langen und zwei Tonnen schweren Stromer könnt ihr heute schon einen Blick in die Zukunft werfen und mit euren Rückmeldungen sogar an ihr mitwirken. Die E-Shuttles sind im ÖPNV-Tarif der Bahnen der Stadt Monheim integriert und können mit einem gewöhnlichen Einzel- oder Aboticket genutzt werden. Im 15-Minuten-Takt könnt ihr euch also unkompliziert und stressfrei zwischen Busbahnhof und Altstadt bewegen – und wo sonst kann man in die Zukunft reisen, während man eine historische Stadtrundfahrt genießt?

Die Altstadtstromer gehören zu den Leuchtturmprojekten von MaaS NRW. Im Rahmen von Mobility-as-a-Service werden plattformübergreifende, eng vernetzte Mobilitätsprojekte in NRW vorangetrieben. Das Verkehrsministerium Nordrhein-Westfalen fördert Projekte in zwei Kategorien, durch die nahtlose und innovative Mobilität entwickelt und verbessert werden soll.